Über Alltagszeit und interstellare Relativität

22. April 2018 | 17:39

Ein schrilles Klingeln des Weckers am Morgen und der Tag beginnt. Nun heißt es aufstehen, fertigmachen, aus dem Haus gehen und den Bus erwischen. Pünktlich in der Vorlesung aufschlagen, die Hausarbeit muss auch nächste Woche fertig sein. In der Mittagspause in der Mensa essen, dann weiter zum nächsten Seminar. Abends in den Sportkurs und drei Stunden später ins Bett. Und jeden Tag, fast schon unbewusst: der wiederkehrende Blick auf die Uhr.

Zeit strukturiert unseren Alltag. Zeit ist allgegenwärtig. Und überhaupt: heutzutage scheint Zeit irgendwie Mangelware geworden zu sein. War das schon immer so? Und wie äußert sich das in den Medien? Wie wird eigentlich im Film Zeit dargestellt?

 

Medientheorie in der Filmindustrie

Das Seminar Medientheorie“ bei Professor Martin Kreyßig beschäftigte sich im Wintersemester 2017/18 mit diesen und anderen Fragen. Der Begriff der Zeit kann aus vielen verschiedenen Perspektiven untersucht werden und bietet ein enormes Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten und Zusammenhängen. Einige dieser Aspekte, die für den Umgang mit Medien wichtig sind, werden im Seminar thematisch behandelt und sollen somit zu einem sachkundigen Verständnis für Medienprodukte führen. Eine gute Chance andere Blickwinkel einzunehmen – auch für Master-Studierende, die bislang in ihrem Studium noch nicht oft mit Medientheorie in Berührung gekommen sind.

Das Hauptaugenmerk des Seminars liegt auf dem Medium „Film“ in Kino und Fernsehen. Fand man sich bislang vorwiegend in der Rolle des Konsumenten, so beschäftigt man sich nun auch mit dem „Warum“ und „Wie“ des Produkts und bekommt Einblicke in Produktionsprozesse und -entscheidungen, die in der Filmindustrie relevant sind.

Vom Geek bis zum Film-Muffel bekommt im Seminar jeder die Chance tiefer in das Medium einzutauchen und es aus einer professionellen Perspektive zu betrachten. Der hohe Praxisbezug anhand der Analyse von Kurzfilmen und Filmausschnitten macht es den Studierenden leichter die theoretischen Zusammenhänge zu erkennen und neues Wissen zu festigen. Ob Flashback, Zeitreise oder -schleife: so gut wie jeder Film spielt mit den verschiedenen zeitlichen Gegebenheiten und künstlerischen Ausdrucksmitteln bspw. in Schnitt und Erzählstruktur. Den meisten Studierenden sind deshalb viele Stilmittel bereits begegnet und jeder kann etwas zu der Diskussion beitragen.

Ziel des Seminars ist es Kenntnisse über Bauformen, Intention und rhetorische Techniken des (massen)medialen Produkts „Film“ zu erlangen, um diese dann in einer abschließenden Hausarbeit unter dem Gesichtspunkt „Zeit“ anzuwenden. Hierbei soll ein individuell ausgewählter Spielfilm als Grundlage zur Analyse dienen.

 

Komplexe Erzählstrukturen

Ein Beispiel, das im Kurs behandelt wurde, stellt der Film „Memento“ aus dem Jahr 2000 von Regisseur Christopher Nolan dar, der sich ausgiebig mit der erzählerischen Struktur von Zeit auseinandersetzt. Der Protagonist des Films leidet nach einem Unfall an einer Art Gedächtnisschwund und kann kein neu erworbenes Wissen abspeichern. Er baut sich eine Art externes Erinnerungssystem aus Notizen, Polaroids und Tattoos, um den Mörder seiner Frau zu finden.

Die Besonderheit des Films liegt vor allem in seiner komplexen Erzählstruktur: er besteht aus zwei Zeitsträngen, die bis zum Ende des Films aufeinander zu laufen, jedoch verläuft einer dieser Stränge rückwärts. Das Ende der Handlung erfährt man bereits am Anfang des Films, trotzdem bleibt der Film spannend, da der Zuschauer eine Weile braucht, um die ungewöhnliche Erzählstruktur zu begreifen. Ziel dieser Erzählweise ist es auch die Verwirrung des Protagonisten auf den Zuschauer zu übertragen, um den Film authentischer und das Erlebnis intensiver zu gestalten.

 

(Welt)Raum und Zeit

14 Jahre später erschuf Nolan den Film „Interstellar“ und beschäftigte sich mit komplexen, wissenschaftlichen Fragen zur Relativitätstheorie Albert Einsteins. Der Film beschäftigt sich vorwiegend mit der unterschiedlich schnell ablaufenden Zeit auf der Erde und der Zeit im Weltraum und handelt von einer ganz besonderen Vater-Tochter-Beziehung.

Felix Reichel, Analyse des Films „Interstellar" / Foto: Nele Weber

Felix Reichel, Analyse des Films „Interstellar“ / Foto: Nele Weber

Seminarteilnehmer Felix Reichel suchte sich diesen Film zur Analyse im Seminar aus. Der 26-Jährige Student der „Medien- und Spielekonzeption“ bezeichnet sich selbst als enthusiastischen Film-Fan und beschäftigt sich am liebsten mit Science-Fiction-Themen – eine perfekte Gelegenheit seine Interessen zu vertiefen. Er selbst habe bereits in zwei nicht-kommerziellen Produktionen als Schauspieler mitgewirkt und konnte so erste Erfahrungen in der Filmproduktion sammeln.
Für die Analyse des Films sei es für ihn vor Allem wichtig gewesen die Gegenüberstellung des Zeitverlaufs des Protagonisten mit dem seiner Tochter herauszuarbeiten. Während der Protagonist im Weltall nach einem bewohnbaren Planeten sucht, nachdem die Erde unfruchtbar geworden ist, bleibt seine Tochter auf der Erde. Aufgrund physikalischer Gegebenheiten, die bereits Einstein in seiner Relativitätstheorie darlegte, vergeht die Zeit im Weltall anders als auf der Erde. Am Ende des Films kehrt der Vater nur wenig gealtert zu seiner Tochter zurück, welche inzwischen eine alte Frau geworden ist.

Der Film bietet Raum für wissenschaftliche Diskussionen und auch für die Analyse der stilistischen Mittel, mit der die verschiedenen Zeitachsen von Vater und Tochter dargestellt werden. So lässt sich beispielsweise untersuchen, wie der Film es bewerkstelligt, dass längere Handlungsstränge in wenige Minuten gestaucht und welche „Anhaltspunkte“ dem Zuschauer gegeben werden, um sich in der Handlungszeit zu orientieren und zu verstehen wie viel Zeit an welchem Ort nun vergangen ist. Diese Anhaltspunkte sind auch in anderen Filmen sehr wichtig für das Publikum, da die Handlungsdauer meist nicht mit der Erzähldauer übereinstimmt.

Zusammenfassend habe Felix sehr viel aus dem Seminar mitgenommen: „Das Seminar hat mir sehr viel Freude bereitet. Es hat mich gelehrt, bei Filmen sozusagen „hinter die Kulissen zu schauen“ und mich zu fragen, wieso spezielle Szenen auf diese oder jene Weise konzipiert wurden, welchen Nutzen der Film daraus zieht und wie das Ganze auf den Zuschauer wirkt.“